Roger Hohl

Insights · Tourismus

Overtourism: Wenn zu viele Touristen eine Destination zerstören und was die Branche daraus lernen muss

12. August 2026 · Roger Hohl

Overtourism: Wenn zu viele Touristen eine Destination zerstören und was die Branche daraus lernen muss

Venedig erhebt seit 2024 eine Eintrittsgebühr für Tagestouristen. Barcelona erwägt ein vollständiges Airbnb-Verbot bis 2028. Amsterdam verbietet neue Geschäftsmodelle, die sich ausschliesslich an Touristen richten. Amsterdamer Anwohner haben die Stadtverwaltung wegen Overtourism verklagt. Ibiza hat die Anzahl der Mietautos gedeckelt. Norwegen hat eine nationale Tourismussteuer eingeführt.

Das sind keine vereinzelten Protestaktionen. Das ist ein Systemversagen. Und als Tourismus-Experte sage ich offen: Die Branche hat dieses Problem selbst produziert, durch jahrzehntelanges Wachstum um jeden Preis, ohne ausreichend in Kapazität, Lenkung und Nachhaltigkeit zu investieren.

Overtourism ist kein Naturphänomen. Es ist das Ergebnis schlechter Steuerung.

Das Ausmass des Problems

Die Zahlen sind eindrücklich. Portugal hatte 2010 rund sieben Millionen touristische Ankünfte. 2019 waren es bereits 25 Millionen, eine Verdreifachung in neun Jahren. Spanien verzeichnet dieses Jahr gegenüber dem Vorjahr einen Nachfrageanstieg von 32 Prozent. Griechenland, Italien und Portugal legen je rund 20 Prozent zu.

In Europas zehn meistbesuchten Städten hat der Tourismus zwischen 2021 und 2023 um 207 Millionen Übernachtungen zugelegt. 75 Prozent davon entfallen auf Hotels und ähnliche Unterkünfte. 2024 eröffneten allein in Europa 289 neue Hotels mit fast 39.000 Zimmern.

Das klingt nach Wachstum. Für die betroffenen Destinationen fühlt es sich wie eine Invasion an.

Überfüllte Altstädte, Wasserknappheit im Sommer, Wohnraumverlust für die lokale Bevölkerung, zerstörte Naturlandschaften, sterbende Infrastruktur. Das sind keine sozialen Randerscheinungen, das sind Risiken, die eine Destination langfristig unattraktiv machen. Eine Destination, die ihren Charakter verliert, verliert auch ihre Gäste. Langsam. Und dann schnell.

Warum klassisches Destinationsmanagement scheitert

Die meisten Tourismusbehörden denken in Ankünften und Übernachtungen. Mehr ist besser. Das war jahrzehntelang der Massstab. Es war der falsche.

Das Problem ist nicht das Volumen, es ist die Verteilung. Dubrovnik hat das früher als andere verstanden: Kreuzfahrtschiffe werden heute gezielt auf Wochentage verteilt, um den Ansturm auf die Altstadt zu glätten. Das reduziert die gefühlte Überfüllung dramatisch, ohne die Besucherzahlen zu senken. Mehr Gäste, besser verteilt, das ist Steuerung, keine Einschränkung.

Das Gegenteil davon ist das, was ich in zahlreichen Destinationen beobachte: kein Flächenmanagement, keine saisonale Steuerung, keine Besucherstromlenkung. Stattdessen mehr Marketing, in Märkten, die bereits überhitzt sind.

Destinations-Marketing, das Massen anzieht, ohne die Kapazität dafür aufzubauen, ist kein Erfolg. Es ist fahrlässig.

Was smarte Destinationen anders machen

Es gibt Beispiele, die zeigen, dass Qualität und Volumen sich nicht ausschliessen, wenn man strategisch denkt.

Venedig ist der bekannteste Fall. Die Tagestouristengebühr ist ein erster Schritt, umstritten, aber konsequent. Das eigentliche Ziel ist nicht Einnahmenmaximierung, sondern Lenkung: Wer zahlt, plant seinen Besuch. Spontane Tagesausflüge mit Menschenmassen werden teurer, mehrtägige Aufenthalte in Hotels bleiben attraktiv. Das verschiebt das Gleichgewicht zugunsten zahlungskräftigerer, längerer Besuche.

Amsterdam geht weiter: keine neuen tourismusorientierten Geschäfte, keine Segway-Touren, keine Beer-Bikes. Das ist Qualitätssteuerung. Die Stadt entscheidet bewusst, welchen Tourismus sie will und welchen nicht.

Hallstatt in Österreich, bekannt als Vorbild für das Dorf Arendelle aus «Frozen», kämpft seit Jahren mit viralen Momenten auf Social Media. Die Gemeinde hat gelernt: Aufmerksamkeit lässt sich nicht abschalten, aber managen. Besucherzeiten, Parkplatzbeschränkungen, gezielte Kommunikation in den Hauptmärkten.

Diese Ansätze haben eines gemeinsam: Sie behandeln Tourismus als Ressource, die es zu bewirtschaften gilt, nicht als Rohstoff, den man so schnell wie möglich abbaut.

Die Konsequenzen für die Hotellerie

Overtourism ist nicht nur ein Destinationsproblem. Es ist ein handfestes Geschäftsrisiko für jeden Hotelier und jeden Tourismus-Operator in betroffenen Gebieten.

Wenn eine Stadt ihre Attraktivität durch Überlastung verliert, verlieren die Hotels dort ihre Differenzierung. Der Luxusgast, der 2010 für das authentische Venedig bezahlte, bucht heute woanders. Nicht weil er die Stadt nicht mehr mag, sondern weil das Erlebnis, für das er zahlt, nicht mehr existiert.

In meiner Arbeit als Tourismus-Berater und Mystery-Shopper erlebe ich das direkt: Hotels in overtouristischen Destinationen kämpfen zunehmend mit Qualitätsverlusten, die nicht im Betrieb selbst entstehen, sondern im Umfeld. Lärm, Gedränge, überlastete Infrastruktur, das zieht die Bewertungen nach unten, obwohl das Haus selbst nichts falsch macht.

Die Konsequenz für Hoteliers: Passivität ist keine Option. Wer in einer überlasteten Destination operiert, muss aktiv zum Destinationsmanagement beitragen, durch Zusammenarbeit mit Behörden, durch eigene Steuerungsmassnahmen, durch bewusste Positionierung abseits der Massenströme.

Was die Politik tun muss und was sie falsch macht

Politische Massnahmen gegen Overtourism scheitern meist aus demselben Grund: Sie werden reaktiv eingesetzt, wenn der Schaden bereits sichtbar ist. Eine Tourismussteuer, die erst eingeführt wird, wenn die Anwohner auf die Strasse gehen, ist keine Strategie, sie ist Krisenmanagement.

Was nachhaltig funktioniert, sind langfristige Kapazitätsentscheidungen: Wie viele Kreuzfahrtschiffe darf ein Hafen gleichzeitig empfangen? Welche Flächennutzung ist für touristische Infrastruktur vorgesehen, welche für die Wohnbevölkerung? Wie werden Saisonspitzen aktiv abgefedert?

Diese Fragen brauchen Antworten, bevor eine Destination den Kipppunkt erreicht, nicht danach. Der Tourismus ist für viele europäische Regionen eine der wichtigsten Einnahmequellen. Ihn zu gefährden, indem man ihn ungezügelt wachsen lässt, ist kurzsichtig.

Fazit: Wachstum ist kein Ziel, Qualität ist eines

Die rentabelsten Destinationen der Welt sind nicht die mit den meisten Besuchern. Sie sind die mit den zufriedensten Besuchern und den lebensfähigsten Gemeinschaften.

Overtourism ist lösbar. Aber nur, wenn Destinationen, Hoteliers, Operatoren und Politik aufhören, Wachstum als Selbstzweck zu behandeln. Der Massstab muss sich verschieben: von Ankünften zu Wertschöpfung, von Volumen zu Qualität, von kurzfristiger Auslastung zu langfristiger Attraktivität.

Als Tourismus-Experte begleite ich Destinationen und Betriebe dabei, diese Verschiebung strategisch umzusetzen. Denn eines ist sicher: Die Destinationen, die heute klug steuern, werden in zwanzig Jahren noch existieren. Die anderen nicht.

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