Roger Hohl

Insights · Luftfahrt

Krisenkommunikation nach einem Flugunfall: Warum die erste Stunde alles entscheidet

15. September 2026 · Roger Hohl

Krisenkommunikation nach einem Flugunfall: Warum die erste Stunde alles entscheidet

Das Telefon klingelt am späten Abend. Am anderen Ende eine Redaktion: Es gibt Berichte über einen Zwischenfall, ein Flugzeug soll bei der Landung von der Piste abgekommen sein, erste Videos kursieren bereits in den sozialen Netzwerken. Ob ich eine erste Einschätzung geben kann.

So oder ähnlich beginnen viele Anrufe, die ich als Luftfahrt-Experte erhalte. Und fast jedes Mal sehe ich in den Minuten danach dasselbe Muster: Die Öffentlichkeit weiss bereits erstaunlich viel. Passagiervideos, Flugdaten aus Tracking-Apps, Augenzeugenberichte. Nur die betroffene Fluggesellschaft schweigt. Sie prüft, sammelt, wartet auf die Freigabe.

Genau in dieser Lücke entscheidet sich, ob ein Unternehmen Vertrauen behält oder verliert. Und diese Lücke ist heute kleiner als je zuvor.

Die neue Realität: Die Nachricht ist schneller als das Lagezentrum

Früher hatte eine Airline nach einem Zwischenfall Zeit, sich zu sortieren. Bis die ersten Agenturmeldungen erschienen, war das Krisenteam meist schon zusammengekommen. Diese Zeit gibt es nicht mehr.

Flugtracking-Dienste zeigen nahezu in Echtzeit, wo sich ein Flugzeug befindet und ob es ungewöhnlich manövriert. Passagiere filmen mit dem Smartphone und posten noch auf dem Vorfeld. Redaktionen starten Liveticker, bevor die Geschäftsleitung vollständig informiert ist.

Wer in dieser Situation erst kommuniziert, wenn alle Fakten gesichert sind, kommuniziert zu spät. Das heisst nicht, dass man spekulieren soll. Im Gegenteil. Aber Schweigen wird nicht als Sorgfalt wahrgenommen, sondern als Kontrollverlust.

Was in der ersten Stunde passieren muss

Aus meiner Zeit als Pressesprecher und später als CEO einer Fluggesellschaft weiss ich: Die erste Stunde lässt sich nicht improvisieren. Sie muss vorbereitet sein, bis ins Detail. Vier Dinge sind entscheidend.

1. Ein erstes Statement innerhalb von Minuten. Es muss nicht viel enthalten: Was ist bekannt, was noch nicht, was tut das Unternehmen gerade und wann folgt die nächste Information. Ein solches Statement lässt sich vorbereiten, als freigegebene Vorlage, die im Ernstfall nur noch ergänzt wird.

2. Menschen vor Technik. Die erste Botschaft gilt den Menschen: Passagieren, Besatzung und Angehörigen. Erst danach kommen Flugzeugtyp, Route und Ablauf. Wer mit technischen Daten beginnt, wirkt kalt, auch wenn er es nicht ist.

3. Eine Stimme. Wenn Pressestelle, Geschäftsleitung, Flughafen und Behörden unterschiedliche Dinge sagen, entsteht sofort Misstrauen. Wer was sagt, wann und auf welchem Kanal, muss vorher geregelt sein. Nicht in der Nacht des Ereignisses.

4. Ein fester Rhythmus. Updates in klaren Abständen, auch wenn es wenig Neues gibt. Der Satz «Wir informieren um 23 Uhr erneut» schafft Verlässlichkeit. Er nimmt Druck aus der Situation, für die Medien wie für das eigene Team.

Die häufigsten Fehler

In den vergangenen Jahren habe ich viele Ereignisse begleitet und eingeordnet. Die Fehler wiederholen sich mit erstaunlicher Regelmässigkeit.

Spekulation über Ursachen. Die Ursachenermittlung ist Aufgabe der unabhängigen Untersuchungsbehörde. Wer in den ersten Stunden über Wetter, Technik oder Besatzung mutmasst, legt sich fest, bevor irgendjemand etwas weiss. Solche Aussagen holen ein Unternehmen oft noch Jahre später ein.

Juristische Sprache. Formulierungen, die vor allem die Haftung im Blick haben, klingen nach Abwehr. Die Rechtsabteilung gehört ins Krisenteam, aber sie darf nicht den Ton bestimmen.

Die Website bricht zusammen. Im Ernstfall vervielfacht sich der Zugriff innerhalb weniger Minuten. Wer keine vorbereitete, schlanke Krisenseite hat, ist genau dann nicht erreichbar, wenn alle Informationen suchen.

Die Werbung läuft weiter. Ein klassischer und vermeidbarer Fehler: Geplante Werbe- und Social-Media-Beiträge erscheinen fröhlich weiter, während die Welt über den Zwischenfall spricht. Ein einziger solcher Post kann mehr Schaden anrichten als das Ereignis selbst.

Angehörige erfahren es aus den Medien. Das ist der schwerste Fehler von allen. Die Betreuung von Angehörigen muss Vorrang vor jeder Pressemitteilung haben.

Was Medien in diesem Moment brauchen

Journalistinnen und Journalisten stehen in solchen Momenten unter enormem Zeitdruck. Sie brauchen gesicherte Grundinformationen, einen erreichbaren Ansprechpartner und Einordnung.

Hier kommt die Rolle unabhängiger Experten ins Spiel. Meine Aufgabe in einem Live-Interview ist nicht, Ursachen zu erraten. Sie ist, zu erklären: Was bedeutet ein Startabbruch? Wie laufen die Abläufe nach einer Notlandung ab? Wer untersucht einen Unfall und wie lange dauert das? Und manchmal lautet die ehrlichste Antwort schlicht: Das weiss in diesem Moment noch niemand.

Gute Einordnung beruhigt. Spekulation verunsichert. Diese Verantwortung tragen Experten genauso wie Unternehmen.

Vorbereitung ist alles

Krisenkommunikation beginnt nicht mit dem Ereignis, sondern Monate davor. Was ich Fluggesellschaften, Flughäfen und Luftfahrtunternehmen empfehle:

  • Ein Krisenhandbuch, das gelebt wird und nicht im Schrank verstaubt
  • Eine vorbereitete Krisenseite für die Website, die im Ernstfall in Minuten online ist
  • Freigegebene Vorlagen für erste Statements, in allen relevanten Sprachen
  • Klare Zuständigkeiten und eine Erreichbarkeit rund um die Uhr, auch an Wochenenden und Feiertagen
  • Abgestimmte Abläufe mit Flughafen, Handling-Partnern und Behörden
  • Regelmässige Übungen mit realistischen Szenarien, inklusive Medientraining für die Geschäftsleitung

Was gute Krisenkommunikation anders macht: Sie ist vorbereitet, menschlich und konsequent. Sie sagt, was man weiss, und genauso klar, was man noch nicht weiss. Und sie hält ihr Versprechen, sich wieder zu melden.

Fazit: Vertrauen wird in der ersten Stunde gewonnen oder verloren

Kommunikation verhindert keinen Unfall. Aber sie entscheidet darüber, wie Passagiere, Angehörige, Mitarbeitende und die Öffentlichkeit ein Unternehmen nach einem Ereignis wahrnehmen. Und ob sie ihm weiterhin vertrauen.

Die Luftfahrt ist eines der sichersten Verkehrsmittel der Welt, weil sie aus jedem Ereignis systematisch lernt. Diese Haltung braucht es auch in der Kommunikation: vorbereitet sein, bevor etwas passiert, damit in der ersten Stunde die richtigen Worte bereitliegen.

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